Klappbilderbuch Kohrdula und Sigmund

Ein Gepräch mit Myriam H. über eine Bilderbuch-Verwandlung und über PopUp-Bilder, 2023

Warum aus dem Geschenkbuch für Erwachsene "Das Mündel des Herrn Haupt" das PopUp-Buch "Kohrdula und Sigmund" wurde und was es sonst noch Neues gibt

Redakteurin Myriam H.
spricht mit
Astrid Sänger
Juni 2023

Myriam:
Dein Kleinverlag Beim Storchennest bindet die Bilderbücher sogar von Hand. Nun hat dieses „slow book“ – Papier-Handwerk zu einer neuen Herausforderung geführt. Erzähle uns, Astrid, was macht denn ein PopUp-Buchhersteller überhaupt?

Astrid:
Durch Faltungen und Schnitte kann man aus Papier dreidimensionale Objekte machen. Zumeist hat das mit Exaktheit, Geometrie, Geduld und technischem Verständnis zu tun. Ich dachte also gleich, es wäre nichts für mich.
Ich war aber als Kind fasziniert von einem phantasievollen, gemalten Aufklappbilderbuch des Künstlers Vojtěch Kubašta und ich fand nun auch ausführliche Internet-Tutorials zu dem Thema. Also wagte ich mich an die Sache heran, zwischen flachen Buchseiten räumliche Aufbauten zu verstecken. Die Leporello-Faltung hatte mich auf die Idee einer weiteren Dimension gebracht.

Myriam:
Ja, im Märchenbuch „Der himmelhohe Baum“ nutzt Du das Leporello für dreiseitige Bilder, was mit einem am Rücken gebundenen Buch nicht möglich ist. Warum aber hast Du für das Umarbeiten zu einem Aufklappbilderbuch „Das Mündel des Herrn Haupt“ gewählt?

Astrid:
Von diesem Titel blieben mir viele Exemplare übrig, weil die Leporello-Bilderbücher oft mit Kinderbüchern gleichgesetzt werden.  „Das Mündel des Herrn Haupt“ braucht aber einen anderen Kundenkreis. Die Überlegung war, Ressourcen zu sparen und zuerst einmal mit Vorhandenem zu experimentieren.

Myriam:
Ja, denn hier geht es um eine erotische Geschichte, in der nicht ganz klar wird, ob es sich um eine Verführung, um Nötigung oder einvernehmliche sexuelle Annäherung handelt. Wie ist das gemeint, Astrid?

Astrid:
Beim Zeichnen und Malen ist der menschliche, nackte Körper ein beliebtes und angesehenes Thema, da kam mir der Nonsens-Text aus einer Ansammlung von 26 Begriffen für Körperteile gerade recht.
Für mich stand gleich fest, dass die junge Frau, ob absichtlich oder nicht, mit ihrem Sex-Appeal Macht über den Mann hat. Er macht offenbar durchwegs nichts richtig, weder mit vorsichtiger Annäherung noch mit einem teuren Geschenk oder einer handfesten Bestrafung für ihr launisches Benehmen, doch die letzte Seite zeigt trotzdem ein „Happy End“.

Myriam:
Mit einem Streich greifst Du hier gesellschaftlich aktuelle, vielleicht auch zeitlose Themen auf: über die Frage nach Mißbrauch gegenüber Schutzbefohlenen, über das heute frühreife Verhalten Jugendlicher, “Me Too“, und Nacktheit überhaupt. Dabei war diese ab dem Ende des 19. Jahrhunderts, als die Damen ihr Korsett ablegten, und später in der Hippy-Bewegung und FKK-Kultur ein Teil der Emanzipation.

Astrid:
Ich glaube, dass heimliche, erotische Vorstellungen überhaupt erst entstehen, weil in dem Fall nur die Frau, nicht der Mann nackt ist. Im Buch zeige ich im Hintergrund Skizzen von Nackten nach berühmten Werken von Michelangelo, Schiele, Klimt und Picasso. Die Haltung der zornigen Frau mit dem Sessel erinnert an den Diskuswerfer des griechischen Bildhauers Myron. Auch gleich zu Beginn steht im Proportionenkreis von Leonardo da Vinci eine junge Frau statt dem männlichen Vitruvianischen Menschen.

Myriam:
In der neuen Version „Kohrdula und Sigmund“ kann man in diesem Kreis die Worte für die Körperteile auf einer Scheibe drehen. Eine Doppelseite und auch das altmodische und Abhängigkeit suggerierende Wort „Mündel“ hast Du weggelassen. Dafür gibt es ein paar Bilder mehr, die im PopUp-Buch wie Geheimfächer aufgeklappt werden können.

Astrid:
Ja, tatsächlich musste ich viele Details und alle Hintergründe der Doppelseiten für die räumliche Version nocheinmal umgestalten und ausdrucken. Es war eine spannende Arbeit, bei der ich auch für weitere Projekte dieser Art viel gelernt habe.

Myriam:
Und welche werden das sein?

Astrid:
Da gibt es einige PopUp-Karten mit Schüttelreimen und zwischendurch habe ich sechs dreieckige Zimmer mit räumlicher Tiefenwirkung gebaut, die zu einem Kreis zusammengestellt werden können. Sie dienten als Kulisse für ein Trickfilmvideo.
Mein nächstes großes PopUp-Buchprojekt, in der nicht nur Räumlichkeit, sondern auch mehr Beweglichkeit eine Rolle spielen soll, wird das Buch „Katja“, für das es ebenfalls einen Spaßtext nach Art von Kohrdula und Sigmund gibt. Es handelt von einer Philosophiestudentin und vielen Tieren.

Myriam:
Da freue ich mich schon jetzt darauf! Danke für das Gespräch!

Kohrdula und Sigmund bzw. Das Mündel des Herrn Haupt:
Im Vordergrund sieht man ein narzistisches Mädchen nackt posieren. Sie schminkt sich neben dem bekleideten Mitbewohner. Als der Mann sich ihr sachte nähert, weist sie ihn mit übertriebener Dramatik zurück. Er überlegt nun, ob er ihr ein versöhnliches Geschenk machen (oder sie doch mit Schlägen bestrafen) sollte, und zieht in Erwägung, sie mit sanfter Gewalt zum Liebesspiel zu überreden. Es ist zu sehen, dass sie sich gerne erobern ließe, siegessicher, das subtile Kräftemessen zu gewinnen. Im letzten Bild herrscht innige Zweisamkeit unter der Bettdecke.

Aus der erotischen Miniatur aus 26 Körperteilen auf 28 bebilderten Seiten wird ohne anfängliche Absicht ein großes Thema. Das aufreizende Verhalten des jungen Mädchens, das Gewissenskonflikte im Erwachsenen auslöst, gesellschaftlich bedingte Tabus wie Nacktheit, Altersunterschied der Sexpartner, Gewalt/Wut, Liebe und Begehren, können da reflektiert werden. Vor allem aber soll sich der Leser an den (beweglichen) Bildern erfreuen und über die sprachliche Akrobatik amüsieren.