Astrid Sänger

Bilderbücher - Interview

Lesen Sie hier ein Gespräch mit Astrid Sänger über die  ersten vier Bilderbücher aus dem Verlag Beim Storchennest. Im Anschluss folgt noch ein aktuelles Interview über "Das Mündel des Herrn Haupt"!

AstridSängerBilderbücher
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Sich Möhnschachen Astrid Sänger

Aus der Redaktion.com, 20.9.2020
Heute ist Myriam H. in Lutzmannsburg bei
Astrid Sänger,
Verlag Beim Storchennest

Redakteurin Myriam H.: Ich bin hier an der ungarischen Grenze in dem naturbelassenen Garten des Künstlerpaares Astrid Sänger und Otakar Sliva, um mit Astrid ein Gespräch über sie und ihr neues Projekt zu führen. Astrid, als Malerin und Buchherstellerin hast Du Deinen Kundenkreis überrascht, der Dich doch als Keramikkünstlerin kennt?

Astrid S.: Keramik zu machen ist mir wichtig, nur sind die Werke meistens zerbrechlich und schwer, was früher schon bei den Kunsthandwerksmärkten eine Rolle spielte, und heute beim Versand ein Nachteil ist. Daher dachte ich an eine zweite Produktlinie. Malen und Buchillustration wäre für mich schon bei der Berufswahl eine Alternative zur Keramik gewesen.

RedakteurinWas hast Du damals dafür unternommen?

Astrid S.: Ich war wegen einer Stellenausschreibung mit meiner Präsentationsmappe im Ueberreuter-Verlag, wo man mich, glaube ich, deshalb gnädig empfangen hat, weil meine Schwester dort als Sekretärin gearbeitet hat. Meine Zeichnungen und Bilder waren passabel, aber weit weg von brilliant oder originell, und man gab selbstverständlich Akademikern den Vorzug.

Redakteurin: Dann – hast Du mir erzählt – blitzte kurz die Idee auf, Buchrestauration zu studieren, weil es mehr Handwerkliches versprach als die immer computerorientierteren Studiengänge für Bildnerische Kunst.

Astrid S.: Ja, die grundsätzliche Ablehnung von Computern hat mich oft bei Entscheidungen beeinflusst. Am liebsten wäre mir ein analoges Leben auf dem Lande gewesen.

Redakteurin: Dieser Wunsch hat sich insoweit erfüllt, als Du vor zwanzig Jahren aus Wien ins Burgenland übersiedelt bist, aber von analog kann heute keine Rede mehr sein. Hast Du nicht neben dem Layout für alle Deine Bücher auch Deine Website selbst gemacht?

Astrid S.: Ich sitze wirklich inzwischen viele, viele Stunden vor dem Bildschirm, aber ich kann mich dabei über das Realisieren des eigenen Projektes freuen, das macht die Sache erträglich. (Wir sind übrigens mitten im Bilderbuch – Interview!)

Redakteurin: Und dass Deine Produkte wirklich persönliche, ja, autobiografische Elemente haben, sehe ich hier im Garten. Nicht nur das Vogelfutterhaus hängt im Zwetschkenbaum über uns, auch die Leiter steht da. Im Leporello-Bilderbuch Das Vogelfutterhaus ist der Bezug also ganz deutlich. Wie sieht es mit dem hungrigen Fuchs aus?

Astrid S.: Ich habe in meiner Kindheit viel Zeit auf der Perchtoldsdorfer Heide verbracht, wo es damals eine Menge Zieseln gab. Der Hang war voller Löcher.
Die Wortspielereien und das Reimen liegen wohl ein bisschen in der Familie. Ein Onkel von mir hatte zu jedem Anlass ein selbstgemachtes Gedicht, mein Vater hat gerne Wilhelm Busch und Christian Morgenstern zitiert, auch meine Nichte liebt Anagramme.

Redakteurin: Die Liebe zur Sprache ist immer deutlich, und auch dein Humor. Irgendwie altmodisch mutet die Szenerie in Das Mündel des Herrn Haupt an. Mündel ist kein gebräuchliches Wort mehr, es ist eine Ziehtochter. In der häuslichen  Beziehung mit der jungen Frau ist Herr Haupt also väterlich verantwortlich für sie, aber ihre aufreizende Freizügigkeit erzeugt Spannung.

Astrid S.: Es ging mir gar nicht darum, ob der Mann ihr Vormund ist.  Auf Mund fiel mir einfach gleich Mündel ein. Über die Geschlechterhierarchie und gesellschaftliche Paradigmen habe ich mir erst beim Malen Gedanken gemacht. Mich hat das Darstellen der Nacktheit interessiert, des klassischen Weiblichen Aktes, und wenn schon, dann gleich ohne drapierten Faltenwurf über angeblich unanständige Körperstellen.

Redakteurin: Die gerahmten Aktzeichnungen und Skizzen von Aktmalereien berühmter Künstler, die da in den Szenen an der Wand hängen, geben Deiner Kleinen Frivolität noch eine weitere, witzige Ebene!
Und dann stellst Du im vierten Leporello-Band noch durch Buchstabenverdreher einen ganz absurden, komischen Bezug zwischen Sich Schönmachen und Schweinen her! Wie ist das möglich?

Astrid S.: Ja, Sich Möhnschachen ist Sauenfrache, und wenn man es so sieht, liegt es nahe, zu einem Text über Kosmetik immer auch Schweine zu assoziieren.  Die Collagen von Aquarellmalerei auf Faserseide waren bisher mein Lieblingsprojekt, ich mag auch den Geruch beim Linolschneiden.

Redakteurin: Nun hast Du das Handwerkliche angesprochen – die Bilderbücher sind vorwiegend mit Aquarellfarben gemalt, im Linolschnitt hast Du den Text für „Sich Möhnschachen“ hergestellt.  Wie ist es dann auch noch zum Bücherbinden gekommen? (Wir sind übrigens mitten im Bilderbuch – Interview!)

Astrid S.: Mein Traum war ein Offsetdruck auf wertvollem Papier, der meine bebilderten Geschichten möglichst farbgetreu wiedergibt. Durch das Bestellen ganzer Druckbögen konnte ich Kosten sparen und habe alles selbst geschnitten, gefaltet, geklebt und die Buchdeckel hergestellt. Das habe ich mir mit Üben an antiquarischen Büchern und anhand vieler Internet-Tutorials beigebracht.

Redakteurin: Ich habe eines der Leporello-Bilderbücher in der Hand, es greift sich gut an, irgendwie samtig.

Astrid S.: Ja, ich habe die Buchdeckel zum Schutz vor Kratzern und Flecken mit einem hochwertigen Mattlack lackiert, der auch für Kinderspielzeug geeignet ist.

Redakteurin: Wer glaubt, so eine Zieharmonikafaltung würde gleich auseinanderfallen, irrt sich. Ich finde, sie lässt sich sogar besser umblättern als Seiten einer herkömmlichen Rückenbindung. Was sind Deine nächsten Pläne, Astrid? Gibt es noch einen geheimen Vorrat an Ideen und Gedichten? Wirst Du in Zukunft nur noch Bücher herstellen?

Astrid S.: Ich wende mich momentan wieder der Keramik zu, der erste Büchervorrat ist ja  fertig. Ja, es gibt bereits begonnene Projekte, zB. ein zweisprachig geschriebenes ungarisches Märchen, auf das ich mich schon freue.  Es wird mit einem Teil der Einnahmen aus den derzeit erhältlichen Büchern finanziert werden. (Wir sind übrigens mitten im Bilderbuch – Interview!)

Redakteurin: Das klingt schlüssig. Es ist jetzt also Kundenzeit! Ich wünsche Dir viele, viele Käufer und Menschen, die Deine Werke weiterempfehlen.  Aprospos: Was kostet denn ein handgemachtes und signiertes Bilderbuch?

Astrid S.: Vierundzwanzig Euro.

Redakteurin: Toll! Vielen Dank für das Gespräch und bitte, packe mir je ein Leporello – Buch ein und vom Vogelfutterhaus zwei. (Das war übrigens das Bilderbuch – Interview!)

Wo bekommt man die Bilderbücher?

Gerne sende ich Ihnen meine Verlagsprodukte und Keramikfiguren per Post zu. Schreiben Sie Anfragen bitte per E-Mail!
Oder beauftragen Sie den Buchhändler in ihrer Wohnnähe mit der Bestellung!

 

Das Mündel des Herrn Haupt - ein Interview

Ein Gepräch mit Myriam H. über das sprachverspielte Leporello-Bilderbuch für Erwachsene

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Redakteurin Myriam H.
spricht mit
Astrid Sänger
Anfang 2023

Myriam:

Wir sitzen heute zusammen, um über eines Deiner selbstgestalteten Leporello-Bilderbücher zu sprechen. Du konntest ja beobachten, dass manche Menschen die Bände irrtümlich mit Kinderbüchern gleichsetzen. Sie sind dann von einem Band irritiert, dem „Mündel des Herrn Haupt“. Hattest Du denn die Absicht, Leute zu irritieren?

Astrid:

Ich wollte gern den gemalten, nackten Körper zum Thema machen, ganz  wie die großen Künstler. Der Text entstand spontan, um alle Körperteile darin einzubinden. Die ursprünglich rein handwerkliche Intention führte mich dann zu allerlei Gedanken über gesellschaftliche Rollenspiele, über Nacktheit und Bekleidung, sexuelle Anziehung und die Verantwortung, die man sich selbst und anderen gegenüber hat. Irritation zu verursachen halte ich für einen wünschenswerten künstlerischen Erfolg, weil der Irritierte zum Nachdenken gebracht wird. Allzu problematisch habe ich das Thema aber nie betrachtet.

Myriam:

Fangen wir damit an, was zu sehen ist. Gleich zu Anfang sieht man im Proportionenkreis des Leonardo da Vinci statt des männlichen Vitruvianischen Menschen eine junge Frau, das Mündel.  
Dann besteht der Hintergrund jeder Doppelseite aus einer gestreiften Tapete, die an die Seidenbespannungen gutbürgerlicher Wohnräume im 19. Jh. erinnert, – auch der Ausdruck Mündel für ein Pflegekind stammt von früher. Darauf hängen jeweils zur Handlung passende gerahmte Schwarz-Weiß-Skizzen, die berühmte Arbeiten von Michelangelo, Schiele, Klimt oder Picasso zeigen.

Astrid:

Leonardo da Vinci ist mit Mona Lisa noch ein zweites Mal vertreten und einmal weist die Haltung des Mündels auf die Figur „der Diskuswerfer“ des griechischen Bildhauers Myron hin.
Ich wollte dem etwas plumpen Text ein bisschen Kultur gegenüberstellen und an all die – vorwiegend weibliche – Nacktheit in der Bildnerischen Kunst erinnern.

Myriam:

Im Vordergrund ist die Handlung dargestellt. Ein narzistisches Mädchen läuft nackt durchs Haus, posiert hochnäsig vor dem bekleideten Pflegeonkel und schminkt sich umständlich. Sie ist mit dem Beobachten ihrer eigenen körperlichen Entwicklung beschäftigt. Merkt sie denn nicht, wie sie auf andere wirkt? Weiß Sie nicht, dass es sexuelle Signale sind, die sie an Herrn Haupt aussendet?

Astrid Sänger

Astrid:

Das Mündel bedeckt keine ihrer Körperpartien mit aufreizender Unterwäsche oder raffiniert durchscheinenden Tüchern, sie ist in ihrem privaten Zuhause. Unerfahren im Einschätzen der Kräfte sexueller Anziehung, probiert sie diese – bewusst oder unbewusst – an jemandem aus, dem sie vertraut. Das ist zwar kein „braves“ Benehmen, aber was bringt Bravsein?

Myriam:

Und gleich auf der zweiten Seite lernen wir den daraus resultierenden, inneren Konflikt des Herrn Haupt kennen: wäre da nicht seine vormundschaftliche Verantwortung, dann hätte er gern Sex mit ihr. Mit einem Streich wirfst Du hier gesellschaftlich aktuelle, vielleicht auch zeitlose Themen auf: über Mißbrauch gegenüber Schutzbefohlenen, über das heute frühreife und zugleich naive Verhalten Jugendlicher, “Me Too“ , häusliche Gewalt, etc.
Als Herr Haupt tatsächlich mit den Zehen ihren nackten Fuss berührt, weist die junge Frau ihn mit übertriebender Dramatik zurück.
(Die Körperteile Ellenbogen und Achsel passen sich da phantasievoll einem geworfenen Sessel an.) Wie interpretierst Du das?

Astrid:

Der Mensch ist glücklicherweise nur bedingt vernunftgesteuert. Auch Gefühle und ein ständiges unbewusstes Wirrwarr von Versuch und Irrtum machen unsere Entwicklung aus. Das Mündel kann aufgrund der zornigen Reaktion als ungezogenes Gör oder aber als starke, emanzipierte Kämpfernatur gesehen werden.
Mir  ging es um die einseitige Nacktheit, die auch in der Kunstgeschichte Gang und Gäbe ist. Vielleicht gäbe es Herrn Haupts Kopfkino garnicht in dem Maße, wenn er ebenfalls nackt wäre und in dieser Hinsicht Gleichheit zwischen ihnen herrschte. Nacktheit wäre dann ein natürlicher Zustand wie etwa in einem FKK-Ressort.

Myriam:

Ja, so etwas ist heute selten geworden. Dabei feierte man bereits am Beginn des 20. Jahrhunderts die Befreiung des Körpers vom Korsett und die Bewegung in der freien Natur als Wohltat für Mann und Frau.
In den 70er und 80er Jahren galt durch Hippiebewegung und Emanzipation der menschliche, nackte Körper weder als Schande noch als sexuelle Provokation.
Aber was ist nun davon zu halten, dass Herr Haupt sich nichtsdestotrotz weitere Strategien ausdenkt? Das Knistern zwischen dem bekleidungs-, alters- und statusmäßig ungleichen Paar ist nach dem Streit offenbar nicht einfach beendet

WebRahmenMona
Verlag Beim Storchennest

Astrid:

Herr Haupt hat nach dieser ersten Zurückweisung keine Ahnung, wie er sich richtig verhalten soll. Soll er ein versöhnendes, teures Geschenk machen oder das Mündel im Gegenteil auf altmodische Art durch Schläge bestrafen?
Der Text aus den Körperteilen wirkt weiterhin oberflächlich. Aber mir fällt das Buch „Liebesleben“ von Zerujah Shalev aus 1997 wieder ein, dessen junge Protagonistin zwar bereits volljährig ist, das aber über die Liebe und das Begehren in allen verrückten, auch leidvollen oder destruktiven Facetten erzält. Und an Fernsehfilme denke ich, deren Titel ich nicht mehr weiß, die sich mit dem verführerischen Verhalten von jungen Mädchen und dem Gewissenskonflikt der Erwachsenen sensibel befassen.

Myriam:

Die erotische Miniatur aus 26 Körperteilen auf 28 bebilderten Seiten wird ohne jede Absicht doch ein großes Thema. Denn die nächste Redewendung „aufs Kreuz legen“, die üblicherweise für Betrug oder Täuschung benutzt wird, ist hier wortwörtlich gemeint, sodass der Eindruck entstehen kann, Herr Haupt würde das Mündel zu unfreiwilligem Sex zwingen. Wie passt darauf schließlich das romantische Bild der letzten Doppelseite?

Astrid:

So ist es nicht, denn sowohl Geschenk als auch Schläge und der Wunsch, die Initiative zu ergreifen bleiben rein theoretische Erwägungen von Herrn Haupt. (Die „Danae“ von Klimt würde sicher um die 100 Mio. Euro kosten, falls sie zu kaufen wäre.) In dieser Theorie sieht das Mündel auf Herrn Haupts Schoß mehr überrascht als gequält aus, und über seiner Schulter getragen lächelt sie den Betrachter sogar an, zufrieden, das subtile, erotische Kräftemessen nun eigentlich gewonnen zu haben. Das letzte Bild will klarstellen, dass die Bettszene keinesfalls etwas mit Unfreiwilligkeit oder Gewaltanwendung zu tun hätte. Es zeigt eher die trotz Widerständen gelungene Überwindung gesellschaftlich auferlegter Schranken.

Myriam:

Danke für das feine Gespräch! Wir haben den Lesern nun einiges an Denkarbeit abgenommen. An welche Zielgruppe richtet sich das Leporello- Bilderbuch?

Astrid:

Wenn ich an typische Zielgruppen und sichere Umsätze schon vor der Verwirklichung einer Idee dächte, dürfte ich so ein „Nischenprodukt“ nicht machen. Aber jetzt ist es da und es hat Spaß gemacht. Ich halte es für ein originelles Geschenk oder Mitbringsel an Freunde und Bekannte mit allgemeinen Kunstkenntnissen und einer lockeren Art von Humor.

Myriam:

Mein Rat: Bestellen Sie es direkt bei der Künstlerin per E-Mail, und zwar gleich mit „Sich Möhnschachen“, denn die zwei passen wegen ihrer Wortverspieltheit großartig zusammen.

Web.gelbgoldBrüstchen